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06.03.2008

Artikel erschienen in DLZ-Agrarmagazin 

Neue EU-Pestizidzulassung: Für ein klares Verbot gefährlicher Pestizide

In Brüssel werden zur Zeit die Weichen gestellt für die Neuzulassung von Pestiziden, eines der wichtigsten umwelt- und verbraucherschutzpolitischen Vorhaben dieser Legislatur. Die Abstimmung in erster Lesung im Europaparlament hat klare Vorgaben gemacht für den Umwelt- und Gesundheitsschutz in Europa, aber auch für die Innovation in der Wirtschaft.

Die Abgeordneten des Europaparlaments haben mit großer Mehrheit den Vorschlag der EU-Kommission unterstützt, krebserregende, erbgut- und fortpflanzungs-schädigende (CMR-)Pestizide in Zukunft nicht mehr zuzulassen. Auch Stoffe, die den Hormonhaushalt schädigen sollen nicht mehr auf die EU-Positivliste aufgenommen werden. Entgegen der Panikmache der Chemie- und Agrarindustrie, dass durch die neuen EU-Regelungen die Mehrheit der Pestizide wegfallen, wären von diesen Verboten nur wenige Wirkstoffe betroffen, nämlich ganze 4,5% der zur Zeit in Europa zugelassenen 507 Pestizide.

Die Einführung klarer Ausschlusskriterien für hochgefährliche Pestizide ist ein überfälliger Richtungswechsel in der EU-Pestizidpolitik. Beim Schutz der Menschen, der Tiere und der Umwelt vor gefährlichen Pestiziden hat die Europäische Union bisher versagt. Denn obwohl die Wirkstoffe in geringerer Dosis eingesetzt werden, hat sich ihr Verbrauch europaweit noch erhöht. Die Kriterien zum Einsatz der Spritzmittel waren in der alten Zulassung-Richtlinie RL 91/414 beschränkt auf grundlegende Bedingungen. Insofern sind klare (Ausschluss-)Kriterien so konsequent wie überfällig.

Pestizide sind eben nicht einfach "Freund und Helfer" der Landwirte. Sie sind per Definition gefährliche Chemikalien. Aber ihre Gefährlichkeit ist nicht immer nur auf die Zielorganismen begrenzt. Zudem reichern sich einige von ihnen im Boden, im Wasser, in Menschen an und richten ungewollt Schaden an. Es ist deshalb ein Ammenmärchen, dass Pestizide bei sachgerechter Anwendung keinerlei schädliche Wirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt haben. Besonders heikel wird es, wenn sie in Kombination auftreten; die möglichen Schäden, die sich dadurch ergeben sind in vielen Fällen noch nicht ausreichend erforscht. Die Schadensschneise, die das langlebige DDT gezogen hat, das sich im Fettgewebe von Tieren und Menschen anreichert und über die Nahrungskette an die nächste Generation weitergegeben wird, sollte uns allen Warnung genug sein. DDT ist nicht das einzige Pestizid, das sich noch Jahre nach dem Verbot in Nahrungsmitteln und der Umwelt findet.

Besonders Kinder - im Mutterleib, als Babys- und Kleinkinder - sind den bedrohlichen Effekten der giftigen Chemikalien ausgeliefert. Schon der Verzehr von vier pestizidbelasteten Trauben kann bei Kleinkindern zu Gesundheitsgefährdungen wie Erbrechen und Durchfall führen. Der Umweltwissenschaftler Philippe Grandjean hat kürzlich eine Liste mit 202 Chemikalien vorgelegt - darunter 90 Pestizide - die giftig sind für das Nervensystem und den IQ senken können. Das Gehirn ist aber nicht ersetzbar!
Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Liste der Ausschlusskriterien erweitert wird um die immuno- und neurotoxisch wirkenden Pestizide. Das Europaparlament hat mir als Berichterstatterin des EP-Ausschusses für Umweltschutz, Gesundheit und Lebensmittelsicherheit dafür große Unterstützung gegeben.

Die Totalverweigerung der chemischen Industrie, die sich mit Händen und Füßen gegen jegliche Änderung bei der EU-Pestizidzulassung sträubt ist kurzsichtig und widersinnig. Klare Ge- und Verbote sind durchaus im Sinne der Industrie, da sie größere Planungs- und Rechtssicherheit bekommt. Dies spart Zeit: die Unternehmen wissen frühzeitig, welche Stoffe nicht auf den Markt kommen und können diese entsprechend aus der Entwicklungsspirale heraus nehmen. In Kombination mit dem vorgesehenen Substitutionsprinzip - dem verpflichtenden Ersatz gefährlicher Pestizide durch ungefährlichere Alternativen - wird die neue EU-Pestizidgesetzgebung zu einem Innovationsschub führen. Von besseren Pestizidmitteln profitieren als aller erstes die Landwirte.

Es ist mehr als bedauerlich, dass der deutsche Bauernverband und andere Vertreter der Landwirte im bisherigen Gesetzgebungsprozess unkritisch auf den Zug der Chemieindustrie aufgesprungen sind. Sie stellen sich damit gegen die Verbraucher, deren Lebensmittel-Sorge Nr. 1 die Pestizidrückstände im Essen sind (noch vor Lebensmittelhygiene und GVO-Produkten). Der Bio-Boom - gerade in Deutschland - zeigt, dass die Menschen sichere - pestizidfreie - Lebensmittel wollen und zutiefst verunsichert sind über die Erzeugnisse der konventionellen Landwirtschaft. Die großen deutschen Lebensmittelketten haben bereits reagiert und ihre Pestizidkontrollen verstärkt bzw. Grenzwerte verschärft. Nur die Landwirtschaftslobby will offenbar die Zeichen der Zeit nicht erkennen und macht sich zum Steigbügelhalter der Profitinteressen der Chemieindustrie. Unternehmen und Landwirte können doch nicht wirklich dafür sein, dass bei der Lebensmittelproduktion Stoffe verwendet werden, die Krebs bei uns und unseren Kindern auslösen.

Oberstes Interesse der Landwirte müsste es eigentlich sein, das verloren gegangene Vertrauen der Verbraucher in Lebensmittel wieder her- und so ihre Absatzmärkte sicherzustellen. Überzogene Warnungen, Missinformation und heraufbeschworene Lebensmittelknappheit in Europa trägen sicher nicht dazu bei. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Landwirtschafts-Lobby in den kommenden Monaten nicht weiter selbst ins Abseits stellt, sondern im Gegenteil durch die Unterstützung der Ausschlusskriterien zur Speerspitze der sicheren Pestizidnutzung wird.